Sonett Rilke: Archaischer Torso Apollos

Archaischer Torso Apollos 

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
     
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
 
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
     
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.
(Rainer Maria Rilke) 

Rilke Apollo SonettRilkes meisterliches Sonett

1908 schrieb Rilke dieses Sonett. Wie viele seiner Sonette ist auch dieses Sonett ein Muster - Exemplar der Dichtkunst.

Dieses Sonett ist nicht nur formal genial. Die Beschreibungen der Spielregeln eines Sonett allein reichen nunmal nicht. Um das so wichtige Feeling für ein klingendes Sonett zu bekommen.

Rilkes Apollo streift nicht nur am Rande, sondern berührt direkt die große Frage aller Dichtung, aller Kunst, allen menschlichen Lebens: Wer bin ich? Wozu denn tue das, was ich tue? 

Beim Tun, wenn´s widrig wird, Erfolg oder Scheitern noch aussteht, wird die erst philosophische Frage konkret und heiß: 

Wozu schreibe ich, was ich gerade schreibe? Wozu in aller Welt, dichte ich dieses Gedicht? Und was kann Kunst - dieser höchste Anspruch an das was ich tue,  überhaupt bewirken?

Eine Frage, an der Dichter verzweifeln, irre werden, krank. Solange sie nicht ihre Spur des Weiterfragens gefunden haben.

Rilke in seinem Apollo fragt - und zeigt uns seine Antwort-Spur: 

In dem sein Schauen - nur zurückgeschraubt - sich hält und glänzt. ..

dich blendet ...

wie Raubtieffelle schimmert ...

ausbricht aus allen seinen Rändern wie ein Stern.

Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.

Du musst dein Leben ändern.