Wer Freude am Leben hat, findet auch seine Spur.

Seiner Freude folgenSeiner Freude folgen
Foto: Picspack/ Mikum

Die Freude am Leben ist es, die den Unterschied macht. So Joseph Campbell im Interview mit Bill Moyers. Wer Freude am Leben hat, findet auch seine Spur.

Joseph Campbell: Haben Sie jemals Babbitt von Sinclair Lewis gelesen?

Bill Moyers: Das ist lange her.

Joseph Campbell: Erinnern Sie sich noch, wie er ganz zum Schluss sagt: "Mein Lebtag hab ich niemals das gemacht, was ich wollte." Das ist ein Mann, der niemals seiner Freude gefolgt ist. Diesen Satz habe ich tatsächlich einmal gehört, als ich noch im Sarah Lawrence Collage unterrichtete. Vor meiner Heirat saß ich immer in den Restaurants zu Mittag und zu Abend. Donnerstag abend hatten in Bronxville die Dienstmädchen frei, daher gingen viele Familien aus in Restaurants. Eines schönen Abends saß ich also in meinem Lieblingsrestaurant und am Tisch neben mir saßen ein Vater, eine Mutter und ein magerer Junge von ungefähr 12 Jahren. Der Vater sagte zu dem Jungen: "Trink deinen Tomatensaft!"

Und der Junge: "Ich will nicht".

Darauf der Vater mit lauterer Stimme: "Trink deinen Tomatensaft!"
Und die Mutter sagte: "Zwing ihn doch nicht, etwas zu machen, was er gar nicht will."
Der Vater schaute sie an und versetzte: "Er kann nicht sein Leben lang machen, was er will. Wenn er nur macht, was er will, ist das sein Tod. Schau mich an. Ich hab mein Lebtag nicht gemacht, was ich wollte."

Und ich dachte: "Mein Gott, da sitzt der fleischgewordene Babbitt."

Das ist der Mann, der niemals seiner Freude gefolgt ist. Man kann im Leben Erfolg haben, aber man fragt sich nur einmal: Wozu war es gut? - man hat sein Lebtag nicht gemacht, was man eigentlich wollte. Ich sage meinen Studenten immer wieder: Gehen Sie dorthin, wo ihr Körper undd ihre Seele hinwollen. Wenn Sie das richtige Gefühl haben, dann bleiben Sie dabei und lassen sich von keinem Menschen davon abbringen.

Bill Moyer: "Was geschieht, wenn man seiner Freude folgt?"

Joseph Campbell: Man wird glücklich. Ein beliebtes Bild im Mittelalter, das in vielen, vielen Zusammenhängen auftaucht, ist das Glücksrad, das Rad der Fortuna. Es gibt die Nabe des Rades und es gibt den kreisenden Rand des Rades. Wenn man nun etwa am Rand des Glücksrades hängt, ist man entweder oben oder es geht abwärts oder unten und es geht aufwärts. Aber wenn man auf der Nabe ist, bleibt man immerzu am selben Fleck.

Das ist der Sinn des Ehegelöbnisses. Ich nehme dich, ob in Gesundheit oder Krankheit, in Reichtum und Armut - ob auf oder ab. Aber ich nehme dich als mein Zentrum, und du bist meine Freude, nicht der Reichtum, den du mir vielleicht bringst, nicht das gesellschaftliche Ansehen, sondern du. Das heißt, seiner Freude folgen.

Bill Moyers: "Was würden sie jemandem raten, der diesen Quell ewigen Lebens, diese Freude, die er unmittelbar vor sich hat, anzapfen will?"

Joseph Campbell: Wir machen fortwährend Erfahrungen, die uns dann und wann eine Ahnung verschaffen können, eine kleine Eingebung, wo unsere Freude liegt. Die gilt es festzuhalten. Niemand kann einem sagen, was daraus wird. Man muss lernen, seine eigene Tiefe zu erkennen.  


Nebenbei: Das Buch, obwohl es nur 14, 95 Euro kostet, ist reich bebildert. So lässt es sich sehr schön auch erstmal durchblättern, ehe man sich den kostbaren Einzelheiten dieses denkwürdigen Gesprächs zwischen zwei klugen Männern widmet.


Mythen malen das Bild der Welt

Joseph Campbell: 
Die Kraft der Mythen


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Cover: Ikarus und Daedalus